Gespür für den besonderen Augenblick

Text: Michael Hübl

Fotografische Porträts umgibt eine eigene, berührende Aura – sofern sich in ihnen Professionalität mit Unmittelbarkeit paart. Bekannt sind die starren, vom Zwang zum Stillhalten bestimmten Bildnisse des 19. Jahrhunderts, deren artifizieller Habitus sich später noch in zahllosen Studioaufnahmen konserviert hat. Umso beeindruckender, wenn es gelingt, Menschen in Momenten zu fotografieren, in denen sie entspannt und unbefangen sind. Eine Kunst, die in vielerlei Hinsicht Feingefühl verlangt. Gespür für den besonderen Augenblick gehört ebenso dazu wie souveräne, punktgenaue Handhabung der Kamera.

Genau diese Fähigkeiten besitzt Adelheid Heine-Stillmark. Das belegen sowohl ihre Künstlerporträts, als auch die Eindrücke, die sie auf ihren Fernreisen festgehalten hat. Ab Mitte der 1960er-Jahre bricht Heine-Stillmark in Länder auf wie Ägypten oder Äthiopien (1964), Indien und Thailand (1966), Nepal (1968), gefolgt von Argentinien, Brasilien, Chile und anderen Staaten Lateinamerikas (1971). Dies alles in Zeiten, als die bequemen Serviceleistungen eines globalisierten Massentourismus noch in weiter Ferne lagen. 

Mexiko bereist sie (1968 und 1980), auch China (1981), und immer versteht es die Fotografin, in ihren Bildern einen stimmigen Eindruck von den jeweils  spezifischen Daseinsbedingungen  der Menschen anschaulich zu machen. Subtil lenkt sie die Aufmerksamkeit auf Situationen, in denen sich soziales Gefälle offenbart. Das ist mitunter nicht ohne feinsinnigem Witz, etwa wenn auf einer Fotografie aus Sri Lanka eine hellhäutige Frau in weißer Bluse und engem Rock über Bahnschwellen tippelt, während ein kleines dunkelhäutiges Mädchen staunend neben ihr herläuft.

So wie Adelheid Heine-Stillmark mit sicherem Instinkt das Charakteristische oder gar Außergewöhnliche einer Szene erfasst, so lebendig spiegelt sie in ihren Künstlerbildnissen  Persönlichkeitsaspekte der Porträtierten. Den Maler A.R. Penck etwa zeigt sie in einem Zustand schalkhafter Heiterkeit, den Komponisten Karlheinz Stockhausen voll beseelter Emphase, den Philosophen Max Bense im Gestus beschwörender Rede. Daneben hat die Fotografin in zahlreichen Aufnahmen den Kunstbetrieb der 1960er- und 1970er-Jahre dokumentiert. Wie alle Arbeiten von Adelheid Heine-Stillmark sind sie gleichermaßen ansprechende Zeugnisse offener, sympathetischer Wahrnehmung wie überzeugende Manifeste der Lust, das Wahrgenommene in einer atmosphärisch dichten, pointierten Bildsprache weiterzugeben.

Michael Hübl 2021